Rund Rügen

Ende Mai 2020 gelten in Deutschland noch strenge Corona-Regeln, der erste Pandemie-Sommer steht bevor – und für uns der erste Törn mit der Serendi. Wir entscheiden uns spontan für eine Reise nach und rund Rügen, um das Boot kennen zu lernen. Am Ende finden sich 351,5 Seemeilen auf der Logge und tolle Erinnerungen im Gepäck.

Im Herbst 2019 hatten wir die Serendi gekauft, getauft und ins Winterlager nach Fehmarn gebracht. Über Corona sprach damals niemand, wir freuten uns aufs Segeln. Auch noch im März 2020, als wir die Serendi im Winterlager für die Saison vorbereiteten. Doch kaum rollten wir mit dem Auto über die Fehmarnsundbrücke aufs Festland, erreichte uns die Nachricht, dass die Insel aus Pandemie-Gründen gesperrt wurde. Bis 13. Mai galt die Sperre, dann nutzten Roland und sein Freund Öli die Chance: Sie warfen die Serendi ins Wasser und steuerten sturmbedingt nicht den Heimathafen in Kiel, sondern Wismar an. Von dort aus starteten wir schließlich nur neun Tage später unseren ersten Törn, der dann gleich bis 5. Juni dauerte.

5. Juni: Kiel Strande – Heimathafen Kiel

Endlich: Wir liegen fest im Heimathafen an der Förde und lernen auch gleich das besondere Gefühl kennen, eine Heimat fürs Boot gefunden zu haben. Stegnachbar Frank nimmt die Leinen an, begrüßt uns mit großer Herzlichkeit, und Anne versorgt uns am Abend mit den dringend benötigten Ersatzteilen für den Traveller. Warm, trocken und satt von den Resten aus der Bordküche endet dieser wunderbare Törn mit vielen Lernkurven.

4. Juni: Heiligenhafen – Kiel Strande
Der Wind lässt etwas nach, als wir Heiligenhafen verlassen. Doch dafür holt uns ein dickes Regengebiet ein. Weiträumig umfahren wir das Schießgebiet vor Hohwacht, eine Militärkontrolle brauchen wir nach diesen stressigen Stunden nicht. Kurz vor der Einfahrt in die Kieler Förde durchqueren wir das Verkehrstrennungsgebiet, ohne wirklich etwas sehen zu können. Gegen 18.30 Uhr liegen wir fest im Hafen. Durchatmen, trocknen, essen. Mehr geht nicht an diesem Abend nicht.

3. Juni: Timmendorf – Heiligenhafen

Perfektes Wetter herrscht an diesem Tag: Der Wind weht aus West, die Sonne scheint, die Logge spult Seemeile um Seemeile ab. Zumindest bis zur Fehmarnsundbrücke fühlen wir perfektes Segelfeeling. Doch kurz vor dem Fahrwasser nach Heiligenhafen legt der Wind zu und wächst sich zu einem Sturm aus. Gerade als wir in eine Box steuern wollen, drängelt sich ein anderes Boot vor – aber Roland legt den Gashebel auf den Tisch und sichert den Liegeplatz. Die anderen drehen ab und in eine andere Box, allerdings so hektisch, dass sie deren Größe überschätzen und stecken bleiben. Wir kämpfen indes mit Stegnachbarn darum, das Boot sicher zu vertäuen. Es gelingt mit vereinter Kraft und erstmals dank der Winschen.

2. Juni: Hafentag in Timmendorf

Endlich wieder auf Poel, der Insel, auf der Antje die Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Wir fahren mit den Rädern nach Schwarzer Busch und Kirchdorf, essen frischen Dorsch, baden im rattenkalten Ostseewasser und stellen fest, dass unser Liegeplatz als Hotspot derjenigen gilt, die den Sonnenuntergang bewundern. Nix mit der Ruhe, die wir erwartet hatten. Dafür sitzen wir in der ersten Reihe, als die Sonne in leuchtenden Farben untergeht.

1. Juni: Warnemünde – Timmendorf

Crew unverletzt, Boot heil: Dieser Spruch bekommt heute eine besondere Bedeutung, nachdem Antje beim Anlegen den Luv-Pfahl verpasst und ein Missgeschick droht. Aber ein aufmerksamer Nachbarlieger bemerkt das Malheur, nimmt die Leinen von seinem Boot aus an und sichert so den Abend nach einem wunderschönen Segeltag, der uns am Kirchturm von Rerik und dem Salzhaff von Boiensdorf vorbeigeführt hat.

31. Mai: Lohme – Warnemünde

Dieser Tag prägt sich ein: Mit einem lauten Knall fliegt uns in der Mittagszeit die Großschot aus dem Traveller, um die Ohren und dann raus aufs Wasser. Denn wir segeln seit dem frühen Morgen mit achterlichem Wind in Richtung Westen, zumeist im Schmetterling, die rollenden Wellen sorgen zudem für einen fragilen Zustand. Dann steuert Antje falsch, die Patenthalse folgt – und der Traveller fliegt. Roland sichert mit Leinen die Großschot, dann segeln wir weiter in den Alten Strom von Warnemünde und verewigen die Serendi am Holzsteg. Weil die Box deutlich kürzer als erwartet ist, setzt Roland zu spät zum Bremsen an. Das übernimmt der Steg, die Serendi reagiert glücklicherweise sehr gutmütig. Wir auch – mit Gin Tonic und Blick auf den Hafen.

30. Mai: Hafentag Lohme

Wir nutzen den Tag für eine Wanderung zum Königsstuhl, quer über Stock und Stein geht es immer bergauf. Dann stehen wir unerwartet auf dem Plateau und genießen den Ausblick mit vielen anderen Gästen. So viele Menschen sind wir gar nicht mehr gewöhnt, deshalb suchen wir schnell das Weite. Unsere Vorräte können wir im Dorfladen nicht auffüllen, es gibt weder Reibekäse noch frisches Gemüse. Dafür Bio-Vollkornbrot, das leider wie Presspappe schmeckt.

29. Mai: Thiessow – Lohme

Eine wunderschöne Landschaft zwischen Ostsee und Bodden verlassen wir – in dem Wissen: Thiessow hat uns nicht zum letzten Mal beherbergt. Allerdings lässt uns auf dem Weg nach Lohme der Wind im Stich, sodass wir nicht Saßnitz, sondern Lohme ansteuern. Vorbei an den Kreidefelsen geht es, und dann überrascht uns Rügen mit einem ungewöhnlichen Hafen. Hoch reckt sich die Steilküste vom Hafen aus, eine Seilbahn dient dem Transport von Waren – Menschen müssen die Treppen steigen. Wir klettern hoch in abgerissenen Segelklamotten und erhalten dennoch, ausgesprochen charmant und gastfreundlich, ein nicht auf der Karte stehendes Eis auf die Hand im Panorama-Hotel.

28. Mai: Glewitzer Wiek – Thiessow

Wetter findet draußen statt, nicht im Internet: Dieser Spruch bewahrheitet sich heute, als wir in der Glewitzer Wiek den Anker lichten (die Leinen jetzt in schlammgrau) und eigentlich in Richtung Saßnitz starten. Doch der Wind bläst aus Nord/Nordost, die ETA liegt in der Mittagszeit bei 21 Uhr. Uns ist das zu spät, und wir entscheiden uns, Thiessow anzusteuern. Dafür passt die Windrichtung, die Sonne scheint, und die Laune steigt – bis Antje einmal über den Tonnenstrich steuert und das Boot kurzzeitig auf Grund setzt. Ein kurzer Rückwärtsschub, dann schwimmt die Serendi wieder und wir erreichen den Hafen mit eigenem Charme gut gelaunt. Hier fehlen die bunten Häuser dänischer Häfen, dafür gibt es herzliche Sprüche vom Hafenmeister und viel Ruhe.

27. Mai: Stralsund/Wemper Wiek – Glewitzer Wiek

Wir nutzen den Tag dafür, uns Stralsund anzuschauen und legen dafür im Yachthafen an. Dumm nur, dass der Hafenmeister wegen der Corona-Pandemie die Wasserschläuche abgebaut hat. Unser Tank ist fast leer, doch es nützt ja nix. Nach dem Stadtrundgang tuckern wir unter Motor in das Wemper Wiek – vorbei an Untiefen, Kormoranen und Schwänen – direkt in den Sonnenuntergang hinein. Ein Bilderbuchtag.

26. Mai: Barhöft – Stralsund

Sonnenschein, frische Brötchen, Ostsee-Baden, heiße Dusche, Frühstück an Deck: Mehr Urlaub geht nicht. Erstmals legt Antje ab (unfallfrei!), Roland übernimmt dafür das Tanken. Bei dem Stopp wollen wir die kleine Fock gegen die Genua tauschen und stellen dabei fest, dass der Voreigner sie falsch aufgerollt hat. Nach dem defekten Landstromkabel droht die nächste Reparatur, die verschieben wir aber. Kurz vor Stralsund schmeißen wir den Motor an und tuckern unter der Klappbrücke hindurch zu eine idyllischen Ankerplatz. Baden beim Sonnenuntergang vor der Skyline von Stralsund – was brauchen Wasserfreunde mehr?

25. Mai: Warnemünde – Barhöft

Vier Stunden später als geplant, gegen 11 Uhr, legen wir in Warnemünde ab, zuvor stürmt es so stark, dass wir das Ablegen verschieben und das Frühstück ausdehnen. Doch offenbar verausgabt sich der Sturm in den Mittagsstunden: Gegen 16 Uhr weht noch nicht mal mehr ein laues Lüftchen, und wir müssen auf fossile Brennstoffe statt Wind setzen. Aus dem Auspuff steigt weißer Rauch und sorgt für kurzzeitige Unruhe an Bord. Aber offenbar verbrennt „nur“ das Kondenswasser, das sich im Winterlager im Tank gesammelt hatte. Gegen 20 Uhr liegen wir fest am Fingersteg in Barhöft und genießen die heiße Dusche (wir hätten sie noch mehr genossen, wenn wir gewusst hätten, dass nur MV die sanitären Anlagen in der Pandemie geöffnet hatte ;))

24. Mai: Hafentag Warnemünde

Sturm, Regen, Böen: Ein Tag für die Kuchenbude. Wir lesen und schauen aus den Fenstern zu, wie der Nachwuchs des ortsansässigen Segelclubs trotz des ungemütlichen Wetters das Training absolviert. Unterdessen testen wir die Heizung (funktioniert), nur der Schlüssel für den Kamin gilt als vermisst. Ihn hat Roland versenkt. Und wir führen Kultur an Bord ein, nachdem wir in einem bislang unbekannten Schapp unsere LED-Kerzen entdeckt haben.

23. Mai: Boiensdorf – Warnemünde

Der Tag beginnt mit einem Schrecken: Der Wind hat über Nacht gedreht und das Boot in den Sand geschoben. Nun stecken wir fest und müssen entscheiden, erst die Brötchen und dann Rettungsversuch oder umgedreht. Antje verzichtet auf frisches Koffein, und so tuckern wir langsam ins tiefere Wasser des Salzhaffs – das Frühstück schmeckt danach auch besser. Digital grüßen Kristina, Olli und Kilian, dann geht es in Richtung Warnemünde. Im Schmetterling kommen wir gut voran und machen gegen 17.30 Uhr am Alten Strom fest.

22. Mai: Wismar – Boiensdorf

Eigentlich lautet unser Ziel: Poel. Doch dann kommt alles anders als gedacht, als Kristina, Olli und Kilian uns an Bord besuchen und eine Kiste mit Proviant vorbeibringen. Ihr Wohnwagen steht in Boiensdorf, und so entscheiden wir uns, ihnen einen Besuch abzustatten. Im Schmetterling segeln wir an Poel vorbei, hinein ins Salzhaff. Als der Anker fällt, befinden sich zehn Zentimeter Wasser unterm Kiel. Reicht, oder? Nur wenige Minuten später holt uns Olli mit dem Stand-Up-Paddel ab, im Badezeug nehmen wir Platz und lassen uns im Dauerregen über die rattenkalte Ostsee chauffieren. Retour geht es in tiefster Dunkelheit, wie gut, dass wir zur Orientierung eine Lampe an Bord eingeschaltet hatten.

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